«

»

Beispiellose Rechenkünste

Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat den Entwurf zur Reform des Lehrerausbildungsgesetztes (LABG) dem Landtag zukommen lassen.  Dabei handelt es sich um ein Gesamtpaket von Entwürfen sowohl auf Gesetzes- wie auf Verordnungsebene. Dazu gehören u.a. die Entwurfsfassung zur Reform des LABG sowie die  zur Novellierung der OVP, Begründungstexte zur beabsichtigen Novellierung sowie als „Anlage 3: Anrechnungsstunden der Lehrkräfte als Fachleiterinnen oder Fachleiter an Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung“. Seit dem 18.05.2015 sind diese Dokumente auf der Seite des Landtags einseh- und abrufbar.

Ich möchte im Folgenden versuchen, die Konsequenzen dieser geplanten Veränderungen für die Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung aufzuzeigen.Dabei beziehe ich mich insbesondere auf die o.a. „Anlage 3“. Auf den Entwurf zur  Novellierung der OVP werde ich hier nur so weit eingehen wie es für die Frage nach den Auswirkungen auf die Arbeitssituation der Fachleiterinnen und Fachleiter relevant ist. Damit soll nicht suggeriert werden, der Rest der neuen OVP sei der Aufmerksamkeit nicht wert. Hierarchisierung der Handlungsfelder, damit einhergehende beschleunigte Entfachlichung der Ausbildung sowie ein schleichendes Aushöhlen der Fachleitertätigkeit durch die jetzt eröffnete Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer  zeitlich befristet mit Ausbildungsbelangen zu beauftragen, sind Aspekte, die einer genauen Betrachtung bedürfen, aber gerade deshalb mit den Belangen der Fachleiterentlastung nicht vermischt werden sollten.

Eckpunkte der geplanten Fachleiterentlastung

  • Die Seminare bekommen über die Bezirksregierungen auf der Grundlage eines Stellenschlüssels Stundenkontigente zugewiesen.
  • Fachleiterinnen und Fachleiter erhalten sowohl für ihre Fachseminar- wie für die Kernseminartätigkeit zukünftig eine sog. Sockelermäßigung von 1 Wochenstunde. Mehr als insgesamt 2 Wochenstunden Sockelermäßigung sind nicht erlaubt.
  • Für jeden auszubildenden LAA erhalten die Fach- und Kernseminarleiter je 0,7 Wochenstunden Ermäßigung.
  • Die o.a. Regelung führt bei der Berechnung zwangsläufig zu Nachkommastellen. Bei FS oder KS mit bis zu 4 LAA wird diese Nachkommastelle bei der Entlastungsstundenberechnung aufgerundet, bei allen anderen Ausbildungsgruppen abgerundet.
  • Wenn die o.a. Stundenkontigente durch die Verteilung der Entlastungstunden noch nicht aufgebraucht sind, dann können diese Stunden für die weitere Entlastung von Fachseminarleiterinnen oder -leiter herangezogen werden, und zwar dergestalt, dass zunächst die Fachleiterinnen und Fachleiter kleiner Ausbildungsgruppen zusätzlich entlastet werden und von dort aus aufsteigend die größeren Gruppen Berücksichtigen finden.
  • Die Seminarleiterinnen und Seminarleiter werden verpflichtet, Ausbildungsveranstaltungen in einem solchen Umfange anzubieten, dass dabei mindestens 20 LAA betreut werden. Ausnahmen dieser Regelung sind möglich, müssen aber aus den ingesamt zugewiesenen Entlastungsstunden kompensiert werden.
  • Änderungen an dieser konzeptionellen Vorgabe kann der Seminarleiter umsetzen unter der Voraussetzung, die Seminarkonferenz stimmt solchen Vorschlägen einstimmig zu. Bei Modifikationen darf das Gesamtkontingent der zugewiesenen Entlastungsstunden nicht überschritten werden.

Konsequenzen I

  • Die bisherige Grundentlastung von 2 Wochenstunden (jetzt Sockelermäßigung genannt) wird um 50% gekürzt.
  • Für die Fachleiterinnen und Fachleiter bedeutet die neue Entlastungsstundenregelung eine Absenkung um 0,3 Std/LAA, für die Kernseminarleiterinnen und Kernseminarleiter eine Anhebung der Entlastungsstunden um 0,2Std/LAA.
  • In der Summe wird die für Ausbildungszwecke je LAA zur Verfügung stehende Zahl an Wochenstunden von derzeit 2,5 Stunden (2x1Std/Fachseminar + 1×0,5/Kernseminar) auf 2,1 Stunden reduziert (3×0,7 Std).
  • Die Regelung der Vergabe „überschüssiger“ Entlastungsstunden bindet diese an die Fachseminare. Sie stehen dem Seminar bzw. dem Seminarleiter nicht zur Verfügung, um ggf. Arbeit im Rahmen der Seminarverwaltung und/oder der Seminarentwicklung zu gratifizieren. Eine einstimmige Zustimmung der Seminarkonferenz ist angesichts der Rahmenbedingungen kaum zu erwarten.
  • Die Neuregelung bedeutet insgesamt eine Minderung der Entlastungsstunden für alle Fachleiterinnen und Fachleiter. Dabei werden diejenigen, die kleine Ausbildungsgruppen betreuen, weniger zusätzlich belastet als Ausbilder größerer Ausbildungsgruppen. Dass die zusätzlichen Entlastungsregelungen bei großen Ausbildungsgruppen überhaupt ankommen, hängt zwar von der Höhe der aufgrund der Schlüsselberechnung zugewiesenen Gesamtanrechnungsstunden ab, ist aber kaum zu erwarten. Ohnehin ist diese Form der Schlüsselzuweisung eine variable Größe, die durch das MSW festgelegt wird und keine Planungsverlässlichkeit hinsichtlich der Anzahl zu gewährender Entlastungsstunden darstellt.
  • Während es in kleineren Seminaren wohl in der Praxis möglich ist, dass die Seminarleiterin/der Seminarleiter im Rahmen einer Kernseminartätigkeit mindestens 20 LAA betreut und damit das Entlastungsstundenkontigent nicht belastet, sieht das in großen Seminaren (und Seminare im Bereich GyGe sind in der Regel groß) doch erheblich anders aus. Die Verwaltungsarbeit ist bei über 200 LAA schlicht höher als bei unter 100 LAA. Wenn aufgrund dessen aber die Seminarleitung nicht mit der angesprochenen Anzahl an LAA in die Ausbildung eingebunden werden kann und aufgrund dessen eine weitere Kernseminarleitung beauftragt werden muss, dann geht das zu Lasten des Stundenpools. Das Seminar muss also dann intern die hohe Zahl an LAA kompensieren. Diese Stunden stünden nicht zur der o.a. zusätzlichen Entlastung der Fachseminare zur Verfügung.

Modellrechnungen

  • Eine Fachleiterin, die in Ihrem Fachseminar 15 LAA betreut, erhält nach dem noch gültigen Entlastungsmodell 17 Entlastungsstunden (15 LAA + 2 Grundentlastung). Bei einer Vollzeitstelle muss die Kollegin noch 8-9 Stunden an der Schule unterrichten (oder anderweitige Aufgaben übernehmen).
    Nach dem im Entwurf vorgelegten Modell erhielte die Kollegin 11 Entlastungsstunden (15×0,7Std = 10,5 Stunden, abgerundet 10 Std + 1 Std aus der Sockelermäßigung = 11 Stunden). Die Kollegin müsste also 14 Stunden der Schule zur Verfügung stehen. Das Arbeitsvolumen erhöht sich im Bereich ihrer Seminartätigkeit dadurch um rund 33%.
  • Eine Fach- und Kernseminarleiterin bildet in ihrem Fachseminar 14 LAA aus, im Kernseminar 15 LAA. Sie erhält nach jetzigem Berechnungsmodus 25,5 Stunden Entlastung (14 LAA+2 Grundentlastung = 16Std; 15 LAAx 0,5 + 2  Grundentlastung).
    Nach dem neuen Modell erhielte die Kollegin 22 Entlastungsstunden (14 LAA x 0,7=9,8; abgerundet 9 + 1 Sockelermäßigung = 10; 16 LAA x 0,7 =11,2; abgerundet 11 + 1 Sockelermäßigung = 12). Dieses Arbeitsvolumen erhöht sich dadurch im Seminarbereich um rund 14%.
  • Der Fachleiter einer kleinen Ausbildungsgruppe (die es – um es noch einmal zu betonen – im Seminarbereich GyGe kaum gibt!) von 4 LAA erhält nach der bisherigen Regelung 6 Stunden Entlastung.
    Nach dem neuen Modell erhält er 4 x 0,7 Std = 2,8, aufgerundet 3 Std + 1 Std. aus dem Sockelbetrag. Selbst wenn er aus dem verbleibenden Stundenpool eine weitere Entlastungsstunde zugesprochen bekommt, also 5 Stunden Gesamtentlastung erhält, erhöht sich das seminarseitige Arbeitsvolumen noch immer um rund 17%.

Höchst fragwürdig ist zudem die (Ab-)Rundungsvorgabe zur Berechnung der Entlastungsstunden. Im Bereich der Seminare für Gymnasium und Gesamtschule gibt es kleine Ausbildungsgruppen von max. 4 LAA ganz selten. Für die weit überwiegende Mehrheit der Fachleiterinnen und Fachleiter wird die errechnete Entlastungsstundenzahl folglich abgerundet werden.  Besonders pikant wird diese Rechenvorgabe bei jenen Kolleginnen und Kollegen, die 4 oder 14 oder 7 oder 17 LAA ausbilden. Sie verlieren aufgrund der Rundungsvorgabe 0,8 bzw. 0.9 Stunden. Was die rechte Hand den Kolleginnen und Kollegen über die Sockelermäßigung an Entlastung zubilligt, nimmt die linke Hand mit der Rundungsregelung wieder weg. Das sind Strategien, bei denen man ins Grübeln kommt, ob man sie nicht perfide nennen soll. Was einen davon abhält, ist vermutlich nur ihre plumpe Offensichtlichkeit.

Konsequenzen II

Wenn die im Entwurf vorgelegte Neuregelung in Kraft treten sollte, dann bedeutet das für alle Fachleiterinnen und Fachleiter einen erheblichen Anstieg ihres Arbeitsvolumens, der in diesem Umfang beispiellos ist. Er wird zu einer gravierenden Verschlechterung der Ausbildungssituation für die LAA führen, denn es wird den Ausbilderinnen und Ausbildern deutlich weniger Zeit für Ausbildungsbelange zur Verfügung stehen. Dieses Problem beginnt bei der sich exponentiell erschwerenden Aufgabe, einen Termin für einen Unterrichtsbesuch zu finden, wenn in der Folge der Neuregelung die schulischen Verpflichtungen der Ausbilderinnen und Ausbilder zunehmen, und es endet noch lange nicht, wenn man auf die schwindenden Kapazitäten für Beratung und Betreuung der LAA und die Vorbereitung von Ausbildungsveranstaltungen schaut oder sich die Frage stellt, unter welchen Rahmenbedingungen Seminarentwicklungsarbeit überhaupt noch möglich ist. Wer sich die „personenorientierte Beratung“ auf die Fahnen schreibt, wer vollmundig in einer Presseerklärung zur Novellierung des LABG verlautbart, „professionell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen“ seien „eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Bildungsarbeit in den Schulen“, der muss auch realisieren, dass solche Ziele Zeitressourcen in Anspruch nehmen. Und wenn man das nicht tut, dann darf man sich nicht wundern, wenn man mit der Frage konfrontiert wird, ob hinter der Neuregelung keine ganz anderen Erwägungen stecken als die vermeintlich vorgegebenen.

Sicher ist: Die Reform des Vorbereitungsdienstes im Jahr 2011 und die damit einhergehende Verkürzung der Ausbildung auf 18 Monate führte bei allen Betroffenen zu einer erheblichen Arbeitszeitverdichtung. Diese jetzt drohende neuerliche und in diesem Umfang beispiellose Erhöhung der Arbeitsbelastung und des Arbeitsvolumens für Fachleiterinnen und Fachleiter wird nicht mehr kompensierbar sein. Sie zu verhindern ist vorrangiges Gebot!

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.deutschunterricht.nrw/beispiellose-rechenkuenste/

1 Kommentar

  1. Walter

    Aus der Sicht einer FL im Grundschulbereich: Bei der Entlastung von 0,7 Stunden pro LAA bedeutet das für uns konkret nicht nur eine Mehrbelastung, sondern grenzt an eine zeitliche Quadratur des Kreises. Wenn ich 20 LAA betreue, bekomme ich 15 Entlastungsstunden, bei einer vollen Stelle = 28 Stunden, müssen noch 13 Stunden in Schule geleistet werden. In der Grundschule bedeutet dies: 3 Vormittage bzw. 2 Vormittage und 2 Stunden, wenn es stundenplantechnisch möglich ist. Wie man da noch 20 LAA x 5 UB bei 4 möglichen Wochentagen (1 Seminartag fällt weg) und teilweise einer (einfachen) Fahrtzeit zu den Schulen der LAA von knapp 1 Stunde betreuen soll, muss mir jemand zeitlich vorrechnen. Von Arbeitsdichte rede ich dann noch gar nicht!

Kommentare sind deaktiviert.

%d Bloggern gefällt das: